Warum das Verzinnen von Litzen gefährlich werden kann

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klassisch
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Warum das Verzinnen von Litzen gefährlich werden kann

Beitrag von klassisch » 29. Aug 2010, 17:58

Mein kleiner, ca. 15 Jahre alter Heizlüfter gebärdete sich plötzlich wie ein Drache.
Also sofort abstecken.
Nach den Öffnen ergibt sich folgendes Bild:
Bild

Eine Lüsterklemme ist völlig verschmort.

Hier sieht man auch den Grund:
Bild

Eine der beiden Litzen war verzinnt, statt mit einer Adernendhülse versehen zu sein - peinlicherweise ab Werk.

Viele verzinnen im guten Glauben Litzen, die anschließend verschraubt werden. Meist, um das Aufdrillen der Litzen zu verhindern.
Aber das ist falsch. Man nimmt damit langfristig der Litze ihre Elastizität.
Lötzinn ist duktil und wenig elastisch. Man kann das gut sehen, wenn man Lötdraht längt. Er verformt sich platisch, wird länger und bekommt eine helle, matte Oberfläche. Aber er federt nicht elastisch zurück.
Unter dem Druck einer Verschraubung weicht das Lötzinn dem Druck aus und fließt langsam zur Seite oder wo auch immer Platz ist.
Nach einiger Zeit (dies können u.U. Jahre sein) ist die Spannung aus der Verschraubung raus und die verzinnte Litze liegt fast lose in der Schraubklemme. Der ohmsche Widerstand steigt und damit auch die Verlustleistung an der Klemme, was zu dem eingangs erwähnten Drachenverhalten führen kann.

moto4631
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Re: Warum das Verzinnen von Litzen gefährlich werden kann

Beitrag von moto4631 » 29. Aug 2010, 19:59

Vielen Dank!

Da mir das in jungen Jahren auch schon passiert ist, hab ich Deinen Bericht mal oben festgepinnt.

Ist sicher auch für die Zukunft ein Thema!
Nüchtern betrachtet war es besoffen besser...

ratzfatzab
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Re: Warum das Verzinnen von Litzen gefährlich werden kann

Beitrag von ratzfatzab » 30. Aug 2010, 08:35

Ich ahbe bisher auch immer alles verzinnt :oops:
Danke für die Info.
Gruß Joachim

ceekay
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Re: Warum das Verzinnen von Litzen gefährlich werden kann

Beitrag von ceekay » 30. Aug 2010, 17:03

Moin!
ratzfatzab hat geschrieben:Ich ahbe bisher auch immer alles verzinnt :oops:
Verzinnen ist im Niederspannungsbereich(bis 1000VAC/1500VDC) schon seit ewigen Zeiten nicht mehr zulässig.

Bei Kleinspannung(bis 50VAC/120VDC) sieht die Sache anders aus, sinnvoll ist das verzinnen aber auch dort nicht. Aderendhülsen kosten so gut wie nichts und sind gegenüber dem Verzinnen eindeutig im Vorteil.

Ich nenne nur mal die zwei wohl bekanntesten Beispiele:
Lautsprecherzuleitungen
Halogenbeleuchtung

Lautsprecherleitungen werden gerne verzinnt, den meisten audiophilen sind VDE-Normen eh nicht bekant. Solange Zugklemmen vorhanden sind geht das leidlich gut, immerhin wenn das Zinn fließt spannt die Klemme nach. Gegen Oxidation durch Flußmittelreste hilft das aber leider auch nicht.

Bei Schraubklemmen und das dürfte zumindest bei Lautsprechern der übliche Fall sein hab ich sogar schon erlebt, daß man die Leitungsenden so aus der Klemme ziehen konnte. Ist ja eigentlich auch klar das Zinn fängt unter dem Druck der Klemme an zu fließen, die Verbindung löst sich. Das reicht normalerweise zwar für einen Wackelkontakt, aber meist kann man das Leitungsende dann noch nicht so ohne weiteres rausziehen. Die Schraubklemmen haben aber anscheinend üblicherweise keine selbsthemmenden Gewinde, so daß sie sich dann duch Erschütterungen endgültig lösen.
Fehlerbeschreibung des Laien: "Geht nicht mehr, Lautsprecher kaputt."

Singalaussetzer durch Kontaktprobleme habe ich in diesem Bereich schon zur Genüge gesehen, es dürfte bei Laien beinahe der Normalfall nach einer gewissen Zeit sein.


Der zweite bekannte Fall im Kleinspannungsbereich sind Halogenbeleuchtungen, da geht von solchen verzinnten feindrähtigen Leitungen sogar eine echte Gefahr aus, da die Ströme sehr hoch sind.
Beispiel: 40W Halogenleuchtmittel, 12V Betriebsspannung sind mal eben 3,3A. Davon ja gerne dann auch mehr als eines.
Erhöhte Übergangswiderstände durch verzinnte Leitungen in Schraubklemmen sind an der Tagesordnung, es ist eigentlich nur eine Frage der Zeit bis die Klemme verschmort.
Aderendhülsen oder Klemmen die auch unbehandelte Leiter aufnehmen können würden das Problem lösen, sind aber leider vielen gar nicht bekannt.


Das ist übrigens in meinen Augen bei der Elektrik eh das größte Problem. Bauernweisheiten(verzinnen, "Nulleiter" etc.) werden von Vater zu Sohn weitergegeben und dann glaubt man sein ganzes Leben lang es wäre so richtig. Und da es meist gut geht wird das auch nicht hinterfragt. Die Gefahr durch Strom sieht, riecht, hört man halt nicht. Ich glaube kaum, daß die Leute das auch bei Gasinstallationen so machen würden.
Man verstehe mich nicht falsch, ich bin sicher der letzte der hier auf 13/2 NAV pochen will, aber ein wenig mehr Information würde in diesem Bereich vielen Heimwerkern nicht schaden.

@klassisch: Danke für die Bilder, hab ich gleich mal ausgedruckt und in mein Gruselkabinett gepackt.

Gruß
Christian
Liederstunde mit Onkel Christian:
Spax, das war sein letztes Wort - dann trugen ihn die Englein fort...

klassisch
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Re: Warum das Verzinnen von Litzen gefährlich werden kann

Beitrag von klassisch » 30. Aug 2010, 17:37

Vielen Dank, moto, Joachim und Christian für die unterstützenden Kommentare.
Ja, Christian, durch verzinnte Lautsprecherleitungen bin ich als Schüler auf dieses Thema gekommen. Da war ich stolz, alles ordentlich verzinnt zu haben. Und nach einen Jahr war die Lautsprecherleitung "seltsamerweise" locker. Nach einigen Monaten wieder.
Dann habe ich recherchiert, was damals ohne Internet für einen Schüler gar nicht so einfach war.
Und in eine gefühlt teure Adernendhülsenzange investiert.
Noch in den achtziger Jahren wollte mir ein Elektrikerladen verzinnte Herdanschlußleitungen verkaufen.
Brandgefährlich! Und deshalb auch verboten. Danke, Christian, daß Du es explizit geschrieben hast.

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Re: Warum das Verzinnen von Litzen gefährlich werden kann

Beitrag von Benderman » 19. Nov 2010, 22:21

Hallo,
ich habe in meiner Lehre folgendes gelernt:
verzinntes (und auch Aluminium) "fließt" unter der Schraube weg,
deshalb regelmäßig nachziehen! (bei ner Öse nicht ganz so oft).
Deswegen gab es Lüsterklemmen mit Blecheinlage, wohl auch damit die Schraube das weiche Material nicht durchtrennt.
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Ich erkläre das von mir gesetzte Links nur als Beispiel oder Hinweis dienen, es ist keine Werbung, auch keine Onlineshopempfehlung.

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Re: Warum das Verzinnen von Litzen gefährlich werden kann

Beitrag von Dirk » 21. Nov 2010, 00:59

Die "Lüsterklemmen mit Blecheinlage" gibt es, damit auch ohne Aderendhülse jede Litze erwischt wird und nicht durch die Kerbwirkung der Schraube abgedreht/abgeschnitten wird.

Kupfer fließt übrigens auch.

Heutzutage nimmt man eigentlich nur noch Federzugklemmen (im Volksmund vereinfachend nach einem Hersteller WAGO-Klemmen genannt), weil nur diese durch die kontinuierliche Federspannung eine Verbindung von immer gleicher Qualität garantieren.

"Regelmäßig nachziehen" kannste ja mal "Otto Normalverbraucher" beibringen, der im Normalfall immer noch in Wohnungen lebt, in welchen Verteilerdosen mit übertapezierten Deckeln Standard sind...
Anders gesagt: total am Leben vorbei. In jeglichen Installationen, die zugänglich sind, werden Dosenklemmen gegen WAGO-Klemmen ausgetauscht, oder man lässt gleich die Finger davon.
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Re: Warum das Verzinnen von Litzen gefährlich werden kann

Beitrag von Mathias K. » 21. Nov 2010, 09:15

Dirk hat geschrieben: Heutzutage nimmt man eigentlich nur noch Federzugklemmen (im Volksmund vereinfachend nach einem Hersteller WAGO-Klemmen genannt), weil nur diese durch die kontinuierliche Federspannung eine Verbindung von immer gleicher Qualität garantieren.
Um Missverständnissen vorzubeugen:
Da ist in dem Thread ursprünglich um feindrähtige Leiter ging:
"Normale" Wagoklemmen sind nur für eindrähtige Leiter geeignet, für Litze bzw. feindrähtige Leiter benötigt man spezielle Ausführungen.

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Re: Warum das Verzinnen von Litzen gefährlich werden kann

Beitrag von Frederico » 21. Nov 2010, 11:02

Tach

Diese dümmliche Geiz-Kreation stellte noch im Jahre des Herrn 2010 den Anschluß des Schweißkabels an die Masseklemme eines 680 € China-Schweißinverters dar.
Dem verzinnten Querschnitt der Leitung von 16mm² sollte 200A Schweißstrom zugemutet werden.
B 3221.jpg
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Re: Warum das Verzinnen von Litzen gefährlich werden kann

Beitrag von chevyman » 21. Nov 2010, 11:53

Das ist zwar nicht begeisternd, aber auch nicht völlig fern der Vorgaben. Kommt halt auf die ED an.
schweisskabel.jpg
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Gruß Steffen

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