Warum das Verzinnen von Litzen gefährlich werden kann

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kar
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Re: Warum das Verzinnen von Litzen gefährlich werden kann

Beitrag von kar » 15. Mär 2011, 22:57

Ich habe auch schon oft Litzen verzinnt, in der Meinung, dass ich damit etwas gutes tun würde.
Lötzinn ist duktil und wenig elastisch. Man kann das gut sehen, wenn man Lötdraht längt. Er verformt sich platisch, wird länger und bekommt eine helle, matte Oberfläche. Aber er federt nicht elastisch zurück.
Unter dem Druck einer Verschraubung weicht das Lötzinn dem Druck aus und fließt langsam zur Seite oder wo auch immer Platz ist.
Nach einiger Zeit (dies können u.U. Jahre sein) ist die Spannung aus der Verschraubung raus und die verzinnte Litze liegt fast lose in der Schraubklemme.


Das klingt einleuchtend, aber ist es bei Aderendhülsen nicht das gleiche, dass sie beim Zuschrauben 'ausweichen' und die Kontakte locker liegen, wenn die Spannung der Verschraubung mit der Zeit verschwindet? Oder bestehen die Aderendhülsen aus einer Art Federstahl ? :kp:

klassisch
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Re: Warum das Verzinnen von Litzen gefährlich werden kann

Beitrag von klassisch » 16. Mär 2011, 03:01

kar hat geschrieben:Oder bestehen die Aderendhülsen aus einer Art Federstahl ?
Gute Frage, ich glaube nicht. Vermute mal, das ist Kabelkupfer, sog. "Leitkupfer", "Elektrokupfer", "Cu-57" oder "Cu-58" heute Cu-ETP genannt, zum Korrosionsschutz hauchdünn (galvanisch) verzinnt.
Die Aderendhülse sorgt dafür, daß sich die Litze fast wie ein massiver Kupferdraht verhält. Den kann man in einer Klemme auch verschrauben, s. Kupferinstitut, Kupferkabel "mechanische Verbindung".
Kupferdraht hat deutlich bessere Federeigenschaften als Zinn, ist aber auch schlechter als spezielle Federmaterielien Deshalb sind passende Federklemmen besser als Lüsterklemmen.

Frederico
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Re: Warum das Verzinnen von Litzen gefährlich werden kann

Beitrag von Frederico » 16. Mär 2011, 09:50

Tach

Da unter der Schraubklemmung einer Lüsterklemme der höchste elektrische Widerstand einer Leitung zu erwarten ist, schieben unerschrockene Mitbürger gutgemeint gern die entsprechend länger abisolierten Leiterenden soweit in die Klemme, daß sie von jeweils 2 Schrauben geklemmt werden.
Das ließe sich auch noch, mit mehreren Klemmen hintereinander gesetzt, optimieren.

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Re: Warum das Verzinnen von Litzen gefährlich werden kann

Beitrag von kar » 16. Mär 2011, 21:56

Danke Klassisch für deine klasse Erklärung und für den Link zu dem hervorragenden Papier!

Ein mir bekannter Elektroinstallateurmeister, der zwar irgendwie genial der aber auch ein bisschen chaotisch ist, hat mir das mit den Klemmen auch mal erzählt. Konnte ihm das aber irgendwie nicht glauben. Ich dachte, der würde die Klemmdinger nur empfehlen, weil sie schneller zu verarbeiten wären. So wie es aussieht ist es aber tatsächlich so, dass die Klemmdinger besser als geschraubte Verbindungen sind. :thx: für die Lehre! :D

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Re: Warum das Verzinnen von Litzen gefährlich werden kann

Beitrag von HendrikW124 » 7. Dez 2011, 09:52

Das klingt einleuchtend, aber ist es bei Aderendhülsen nicht das gleiche, dass sie beim Zuschrauben 'ausweichen' und die Kontakte locker liegen, wenn die Spannung der Verschraubung mit der Zeit verschwindet?
Deshalb ist ja heute in der Industrie nur noch Vierkantpressung zulässig, oder?

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Re: Warum das Verzinnen von Litzen gefährlich werden kann

Beitrag von jesse » 12. Jun 2012, 18:41

Super Leute!

Durch euren Beitrag hab ich sehr viel gelernt. Ich bin zwar nur ab und zu bei Elektroarbeiten, da ich kein Fachmann bin. Aber Eure Erklärungen werde ich mir zu Herzen nehmen. Ab heute wir nur noch mit "Wagoklemmen" und Aderendhülsen gearbeitet. Bisher konnte mir keiner die Vorteile schlüssig erklären.

Vielen Dank, Jesse

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Re: Warum das Verzinnen von Litzen gefährlich werden kann

Beitrag von klassisch » 24. Jun 2012, 13:08

jesse hat geschrieben: Ab heute wird nur noch mit "Wagoklemmen" und Aderendhülsen gearbeitet.
Daran tust Du gut.
Habe gerade dieser Tage an einer 40 Jahre alten Hausinstallation, die eigentlich noch gut zu sein schien, ein leichtes Flackern einer Lampe entdeckt. Ursache: eine geschraubte Abzweigklemme in einer UP Abzweigdose hatte sich wohl über die Zeit gelöst und dann gab es darin ab und an kleine Funken. Die Abzweigklemme und der entsprechende Draht hatten schon deutliche Schweißspuren.
Dabei habei ich noch Würgeklemmen entdeckt, deren Exisitenz mir bisher unbekannt waren. Kaum berührt, sprangen die Drähte raus - gerade die Schutzleiter.
Keine Ahnung, ob so etwas noch zulässig ist.
Die Verdrahtung war wohl noch im Originalzustand wie beim Bau vom Fachhandwerker ausgeführt, über der Abzweigdose war noch der Putz. Möchte jetzt nicht am Handwerker rummäkeln, der Stand der Technik war eben so. Zeigt aber das Gefahrenpotential, das im Bestand schlummert
Die neue WAGO-COMPACT-Verbindungsdosenklemme 227X gefällt mir gut: schön platzsparend und durch das transparente Gehäuse sieht man gut, ob alles richtig gesteckt ist.
Für Lampen gibt es auch die Wago Leuchtenklemmen. Da steckt man auf der einen Seite den starren Draht von der Hausinstallation rein und auf der anderen Seite kann man die Litze auch ohne Adernendhülse einklemmen.

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Re: Warum das Verzinnen von Litzen gefährlich werden kann

Beitrag von StefSch » 6. Apr 2015, 09:52

Das Verzinnen von Litzen mit anschließender Verschraubung sollte man sich verkneifen. Ich habe das früher einmal bei einem Stecker gemacht, der 1 Jahr später abqualmte.

Seitdem verwende ich nur noch Aderendhülsen, die aufgepresst werden.

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Re: Warum das Verzinnen von Litzen gefährlich werden kann

Beitrag von klassisch » 6. Apr 2015, 18:26

Mittlerweile gibt es Schraubklemmen, die auch für unverpreßte Litze zugelassen sind. Die mir bekannten umfassen dabei die Litze an allen 4 Seiten. So eine Art Schraubstock mit Seitenwänden. Und einige Hersteller geben die dann auch für Litzen frei. Es lohnt sich also genau nachzulesen.
Die gewöhnlichen billigen Lüsterklemmen gehören nicht dazu.
Von Wago gibt es die federbelasteten "Cage Clamp", die auch für Litzen zugelassen sind-. Sind in den Leuchtenklemmen oder den 222 und 221.
Die Wago 221 sind neu und ich finde sie klasse, http://www.wago.de/produkte/neuheiten/u ... en-221.jsp .
Die haben die Features der klobigen 222 aber sind nur wenig größer wie die 2273

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Re: Warum das Verzinnen von Litzen gefährlich werden kann

Beitrag von StefSch » 6. Apr 2015, 21:23

klassisch hat geschrieben: Die Wago 221 sind neu und ich finde sie klasse, http://www.wago.de/produkte/neuheiten/u ... en-221.jsp .
Die haben die Features der klobigen 222 aber sind nur wenig größer wie die 2273
Kann ich bestätigen! Ich habe die neue 221 Compact in allen Abzweigdosen verwendet, als ich gleichzeitig im 1. Stock den Verteiler auf den neuesten Stand gebracht habe.

Die alten Lüsterklemmen flogen alle raus.

Die 221 ist wirklich gut. Durchsichtig, so dass man gut sehen kann ob der Draht richtig steckt, leicht zu öffnen und unheimlich kompakt.

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