Aldi VDE-Schraubendreher unsicher

03.07.2004

Skandal: VDE-GS-Zeichen auf unsicheren Schraubendrehern von Aldi

Die Phillip-Kreuzschlitz-Schraubendreher wackelten in die Prüfscheiben.

Kürzlich bot Aldi-Süd einen VDE-Schraubendrehersatz an, dessen Spitzen nicht den DIN-Normen beziehungsweise internationalen Normen entsprechen und somit eigentlich als unsicher anzusehen sind. Dennoch gab der VDE den isolierten Schraubendrehern sein GS-Zeichen.

Nur 3,99 Euro kostete der achtteilige VDE-Schraubendreher-Satz, den Aldi-Süd am 28. Juni 2004 anbot. Ein Superpreis für einen VDE-Schraubendreher-Satz, bei dem GS-Zeichen vom renommierten VDE-Prüfinstitut und dem TÜV-Rheinland (für den Spannungsprüfer), Sicherheit sogar bis 1000 Volt versprachen. Vergleichbare VDE-Schraubendreher-Sätze deutscher Markenhersteller kosten meist das Fünffache oder mehr.

Im neunteiligen VDE-Schraubendreher-Set von Aldi sind ...
Zu dick für die jeweiligen Schrauben.
Nur zwei von drei bestanden die Drehmomentprüfung.
Die Hersteller-Kennzeichung ist mit feuchten Fingern leicht abzuwischen. Fotos: werkzeug-news.de

Auf den ersten Blick sah der VDE-Schraubendreher von Aldi-Süd gar nicht mal so schlecht aus, wie man es von manch anderen Billigangeboten des Discounters kennt. Die in einem Kunststoffkoffer mit Sichtfenster gelieferten Schraubendreher machten erst mal einen guten Eindruck. Na ja, bei einem der Schraubendreher war zwar die Klinge etwas krumm, aber der elektrische Überprüfung mit 10.000 Volt bestanden die VDE-Schraubendreher anstandslos.

Dass diese VDE-geprüften Schraubendreher dennoch ein großes Sicherheitsrisiko darstellen, zeigten erst weitere Prüfungen im Detail. Die Abmessungen der Schraubendreherspitzen stimmten nämlich nicht mit den in der nationalen DIN 5264 sowie den entsprechenden internationalen Normen überein, wie eine Überprüfung bei der VPA (Versuchs- und Prüfanstalt) in Remscheid, dem führenden Institut für Werkzeugprüfungen, ergab.

Die Spitzen der Schlitzschraubendreher waren teilweise zirka 50 Prozent dicker, als sie hätten sein dürfen. Beim Schlitzschraubendreher 0,6 x 3,5 x 75 mm zum Beispiel darf die Dicke der Schneide maximal 0,6 mm + 0,06 mm (Toleranz) = 0,66 mm betragen. Tatsächlich betrug sie aber 0,97 mm an der von der Norm vorgegebenen Messposition. Entsprechende Übermaße gab es auch bei den anderen drei Schlitzschraubendrehern im Aldi-Set. Die Folge ist, dass solche Schraubendreher nicht in die ebenfalls genormten Schraubenköpfe passen. In der Praxis wird der Anwender dann wohl zu dem nächst kleineren Schraubendreher greifen, der jedoch eigentlich für viel kleinere Schrauben ausgelegt ist. Die Gefahr, dass der Anwender aus dem Schraubenkopf herausrutscht oder, dass der eigentlich zu kleine Schraubendreher bei Lösen festsitzender Schrauben bricht, ist sehr groß. Insofern gelten Schraubendreher mit solchen falschen Abmessungen als gefährlich.

Wir haben auch die Phillips-Kreuzschlitzschraubendreher bei der VPA überprüft. Hierzu wurden genormte Prüfscheiben verwendet, in denen die Spitzen der Schraubendreher fest sitzen müssen. Stattdessen wackelten sie jedoch. Kommentar von VPA-Werkzeugspezialist Bodo Hoppe: „Ausschuss!“. Also auch hier besteht eine große Abrutschgefahr. Man stelle sich einmal vor, wenn ein Anwender mit den vermeintlich sicheren VDE-Schraubendrehern in einem unter Spannung stehenden Schaltschrank arbeitet und beim Lösen einer festsitzenden Schraube abrutscht und mit der Hand in spannungsführende Leitungen gerät. Dann hilft auch die Isolierung nicht mehr, dann besteht Lebensgefahr!

Aldi VDE-Schraubendreher-Set
... sieben VDE-Schraubendreher und ein Spannungsprüfer (7+1=9 ???).

Eine Prüfung der Drehmomente, die die Schraubendreher nach der Norm bestehen müssen und die auch für die VDE-Prüfung nachzuweisen sind, war übrigens bei den Schlitzschraubendrehern nicht möglich, weil die Spitzen nicht oder nicht ordnungsgemäß in die genormten Prüfscheiben passten. Schließlich waren sie ja zu dick. Bei den Kreuzschlitzschraubendrehern ließ sich eine solche Prüfung durchführen. Der kleine PH 0 x 75 Schraubendreher erfüllte die Norm gerade so. Er brach bei 1,1 Newtonmeter (Nm). Der Sollwert war 1,0 Nm. Etwas besser schnitt der PH 1 x 80 ab. Er hielt bis 4,2 Nm (Sollwert 3,5 Nm). Der große PH 2 x 100 bestand dagegen die Prüfung nicht. Er zerbarst mit einem spröden, splitternden Bruch bereits bei 7,8 Nm. Dabei hätte er mindestens bis 8,2 Nm halten müssen. Nach dieser Prüfung muss der Schraubendreher also als unsicher bezeichnet werden und hätte kein GS-zeichen erhalten dürfen.

Wir haben das VDE-Prüfinstitut mit unseren Ergebnissen konfrontiert, denn dass mechanisch unsichere Schraubendreher ein VDE-GS-Zeichen tragen, ist eigentlich ein Skandal. Unverständlicherweise sieht der VDE jedoch keinen Anlass zum Handeln und sein GS-Zeichen zurückzuziehen oder gar einen Rückruf dieser gefährlichen Produkte zuveranlassen, schließlich sei ja die Isolationsprüfung in Ordnung gewesen.

Im Rahmen der Recherchen ergaben sich viele Fragestellungen und ausweichende Antworten, die auch den Wert des bisher als seriös angesehenen VDE-GS-Zeichens in Frage stellen. Im Rahmen der GS-Prüfung nach der europäischen Norm EN 60900 (Handwerkzeuge zum Arbeiten an unter Spannung stehenden Teilen bis AC 1000 V und DC 1500 V) hätte der VDE prüfen müssen, ob die Abmessungen der Schraubendreherspitzen eingehalten werden. Nach Aussage eines VDE-Mitarbeiters würde man sich dabei jedoch auf Angaben der Hersteller oder anderer Prüfinstitute verlassen. Von wem die Angaben im Fall der Aldi-VDE-Schraubendreher kamen, wollte uns der VDE jedoch nicht mitteilen. Dies kommt mir so vor, als wenn ich mit abgefahrenen oder falsch dimensionierten Reifen für die regelmäßige Hauptuntersuchung zum TÜV fahre und dem Prüfer zurufe: „Die Reifen sind in Ordnung!“

Die erste Reaktion des VDE-Prüfinstituts, dass in diesem Falle laut der EN 60900 ja überhaupt keine nationale Norm anzuwenden sei, erwies sich jedoch schnell als Ausrede. Laut der EN 60900 sind zuerst europäische Normen (EN) anzuwenden. Wenn es diese, wie bei vielen Handwerkzeugen, noch nicht gibt, entsprechende internationale Normen (ISO), und wenn auch solche nicht existieren, eine vom Verkäufer festgelegte Norm. Dass für Schraubendreher eine internationale ISO-Norm existiert, deren Maßangaben allerdings auch den jeweiligen DIN-Normen entsprechen, scheint den VDE-Prüfern wohl entgegangen zu sein. Die VDE-Interpretation, dass ein Verkäufer eine eigene Norm festlegen darf, in der dann wohl zum Beispiel die Spitzen von Schraubendrehern mit den Maßen 1,2 x 6,5 x 150 auch 1,95 mm dick sein dürfen, ist darüber hinaus wohl etwas weitgehend.

Es scheint hier wohl eher so zu sein, dass die VDE-Prüfer ihre Aufgabe nicht ernst genug genommen und auf Teile der erforderlichen Prüfungen verzichtet haben und nun die eigentlich fällige Korrektur ihres mangelhaften Handelns aussitzen wollen. In der Zwischenzeit liegen vermutlich 250.000 bei Aldi-Süd gekaufte VDE-Schraubendreher-Sätze als Zeitbomben in den Schubladen. Man kann nur hoffen, dass die Anwender diese Schraubendreher nie zum Lösen festsitzender Schrauben oder gar an spannungsführenden Einrichtungen benutzen werden, denn der elektrische Strom verzeiht die Großzügigkeit des VDE-Instituts gegenüber dem Anbieter der chinesischen Billigwerkzeuge nicht.

Wir haben den VDE am 23. Juli 2004 um eine schriftliche Stellungnahme zu diesem skandalösen Vorgang, bei dem mechanisch unsichere Schraubendreher mit einem GS-Zeichen geadelt werden, gebeten. Die Anwort des VDE ist jedoch ausweichend. Sie beschreibt das eigentlich erforderliche Prüfungsprozedere, ohne jedoch auf die konkreten Vorwürfe einzugehen. Hier beruft man sich auf die Schweigepflicht. Wer die VDE-Stellungnahme im Originaltext lesen möchte, kann sie hier als PDF-Datei herunterladen.

Trotz GS-Zeichen keine Herstellerangabe.

In dem VDE-Schraubendreher-Satz von Aldi-Süd befand sich übrigens auch ein einpoliger Spannungsprüfer mit einem GS-Zeichen des TÜV-Rheinland. Beim ersten Anschauen fiel hier bereits auf, dass die erforderliche Herstellerangabe und die von der Norm geforderte Bedienungsanleitung, die meist in Form eines Fähnchens an der Klinge hängt, fehlen. Nach Aussage des TÜV-Rheinland handelt es sich hier um eine Form des Kennzeichenmissbrauchs. Der TÜV-Rheinland habe zwar für einen ähnlichen Spannungsprüfer ein GS-Zeichen vergeben, aber das im Aldi-Set befindliche Produkt ist damit nicht identisch. Ob dieser Spannungsprüfer nun sicher oder unsicher sei, konnte uns der TÜV-Rheinland bisher nicht mitteilen.

Im übrigen interessierte sich auch das Amt für Arbeitsschutz in Köln für den VDE-Schraubendrehersatz von Aldi-Süd. Auch hier fielen die formalen Mängel des Spannungsprüfers sofort auf. Allerdings bemängelt das Amt für Arbeitsschutz auch das Fehlen einer Bedienungsanleitung für die VDE-Schraubendreher, wie sie nach dem neuen Gesetz über technische Arbeitsmittel und Verbraucherprodukte (Geräte und Produktsicherheits-Gesetz – GPSG) eigentlich erforderlich wäre. Jedoch ist uns bisher noch kein Hersteller bekannt, der seine VDE-Schraubendreher mit einer Bedienungsanleitung verkauft, in die auf die Gefahren beim Arbeiten an elektrischen Einrichtungen und insbesondere an spannungsführenden Teilen hinweist. Die VDE-Norm schreibt eine solche Bedienungsanleitung bisher nur für zusammensetzbare Werkzeuge, wie zum Beispiel Bithalter, vor. Sie gibt jedoch auch Empfehlungen für den Gebrauch und Pflege von VDE-Werkzeugen. Da Werkzeuge, die nicht ausschließlich für gewerbliche Arbeiten verkauft werden, nach dem neuen GSPG als Verbraucherprodukte gelten, müssen sie künftig auch die erhöhten Anforderungen an Verbraucherprodukte erfüllen. Und dazu gehört nun mal eine Bedienungsanleitung, zumindest für solche Produkte, die in so sicherheitsrelvanten Bereichen wie der Elektroinstallation eingesetzt werden.

Der Importeur der aus China stammenden Schraubendreher, die Firma Taurus aus Wulmstorf bei Hamburg, war angeblich über unsere Prüfergebnisse sehr überrascht. Schließlich hätte man die Schraubendreher ja auch bei der VPA auf Maßhaltigkeit überprüfen lassen. Ein entsprechendes Prüfzeugnis wollte Taurus uns aber dann doch nicht vorlegen. Bei der VPA in Remscheid war ein solches Zeugnis allerdings auch nicht bekannt.

Immerhin versprach Taurus-Chef J. Seebohm (Taurus Importgesellschaft, J. Seebohm m.b.H. , Bahnhofstraße, 21629 Neu Wulmstorf, Telefon 040/70382929), sich um Reklamationen von Kunden, die die unbrauchbaren Aldi-Schraubendreher gekauft haben, zu kümmern. Ob Taurus die VDE-Schraubendreher zurücknimmt und den Kunden den vollen Kaufpreis erstattet, wollte uns Herr Seebohm jedoch nicht bestätigen.

Wir möchten diesen Beitrag nicht nur als Anklage, sondern auch als Diskussionsbeitrag zum Thema sichere Werkzeuge verstehen und Sie bitten, Ihre Meinung dazu in unserem Forum zu schreiben.

Der VDE hat reagiert und sein GS-Zeichen für die Aldi-Schraubendreher zurückgezogen. Hier unser Bericht.

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